Männerberatung der SKM Krefeld

Übungsraum für Emotionen

Jan Mokros, Männerberater des SKM.

Was haben diese Statistiken gemeinsam: Täter und Opfer von Gewaltverbrechen, Suizidfälle, Suchterkrankungen, Verkehrsunfälle mit Todesfolge, hohe Schulden? Die Antwort: In allen diesen Kategorien sind Männer signifikant häufiger betroffen als Frauen. Wenn wir uns die Probleme unserer Gesellschaft anschauen, muss man nüchtern feststellen, dass Männer in vielen Fällen die Ursache sind. Eine Tatsache, die weite Teile der Politik als unabänderlich akzeptiert zu haben scheinen, denn es wird wenig unternommen, daran etwas zu ändern. Jan Mokros, beim SKM — Katholischer Verein für soziale Dienste in Krefeld e. V. in der Männerberatung tätig, sieht die Folgen und Auswirkungen starrer Männlichkeitsbilder jeden Tag. Und versucht seinen Beitrag zu leisten, sie aufzuweichen.

Der Stellenwert, den die Männerberatung in Deutschland einnimmt, wird schon beim Eintritt in die Räumlichkeiten des SKM auf der Hubertusstraße deutlich. Zwei kleine Büros stehen im Dachgeschoss für Mokros und seinen Kollegen zur Verfügung. Hier empfangen die beiden schwerpunktmäßig Männer, die gewalttätig geworden sind und entweder auf gerichtlichen Beschluss oder auch aus freien Stücken kommen. „Die meisten Männer, die uns aufsuchen, wissen, dass sie etwas Falsches getan haben“, stellt er gleich zu Beginn des Gesprächs fest. „Sie sind schockiert über ihre Tat oder schämen sich — und sie haben etwas zu verlieren. Trotzdem stellen viele es so dar, als sei ihnen etwas passiert. Mir ist es ganz wichtig, ihnen klarzumachen, dass sie aktiv gehandelt haben. Das ist die Grundlage dafür, eine Veränderung herbeizuführen.“ Die Männer, denen er begegnet und die ihren Ehefrauen oder Lebensgefährtinnen Gewalt angetan haben, stammen wider Erwarten aus allen Bereichen der Gesellschaft. „Ich kann natürlich nur über die mir bekannten Fälle sprechen, aber darunter finden sich Ärzte und Rechtsanwälte ganz genauso wie einfache Arbeiter oder Büroangestellte“, räumt er mit dem Vorurteil auf, häusliche Gewalt sei ein Phänomen unterer sozialer Schichten.

Ein wesentlicher Teil seiner Beratungstätigkeit bestehe darin, seinen männlichen Klienten klarzumachen, dass sie die Welt durch eine „Männlichkeitsbrille“ betrachten. „Sie haben ganz bestimmte Vorstellungen, wie die Welt zu funktionieren und welche Rolle sie darin einzunehmen haben“, erläutert der 40-Jährige. „Sie erwarten von sich, auf alles eine Antwort haben und jedes Problem lösen zu müssen. Sie sehen sich als Versorger ihrer Familien, die keine Schwäche zeigen dürfen. Dieses Selbstbild lässt sich nicht dauerhaft aufrechterhalten — und noch weniger macht es glücklich. Gewalt ist oft das Resultat, wenn Männer merken, dass sie an ihre Grenzen stoßen. Sie ist Ausdruck eines Ohnmachtsgefühls, das dann von Wut überlagert wird.“ Zu begreifen, dass es kein Stigma ist, Schwächen einzugestehen oder Gefühle zu zeigen, ist der erste Schritt zur Besserung — und zur Befreiung. „Aus der Beratung ist noch niemand ohne Tränen rausgegangen“, lächelt der Sozialwissenschaftler.

In der Gewaltprävention geht es darum, mit seinen Emotionen umgehen zu lernen.

Doch das Bild vom Mann als Macher aufzulösen, ist eine herkulische Aufgabe, weil es über Jahrtausende patriarchalischer Prägung gefestigt wurde. „Ich mache mich davon auch selbst nicht frei“, sagt der sympathische Krefelder. „Ich bin ja selbst Mann und spüre, wie wirkmächtig diese Bilder sind und wie tief wir sie verinnerlicht haben.“ Umso wichtiger ist ein weiterer Aspekt seiner Arbeit. Im Rahmen der gemeinsam mit der Frauenberatungsstelle durchgeführten Präventionsarbeit geht er dahin, wo die Männer von morgen geformt werden: in Schulen. „Hier geht es darum, jungen Männern klarzumachen, was sie zu gewinnen haben, wenn sie nicht versuchen, irgendwelchen Idealen nachzueifern, denen sieunmöglich gerecht werden können. Wir bieten ihnen als Alternative die Aussicht auf ein glückliches und im Idealfall längeres und gesünderes Leben“, schmunzelt er.“ Eine echte Alternative zu den Versprechungen der „Manosphere“ im Internet.

Wenn Mokros über die bürokratischen Rahmenbedingungen seiner Arbeit spricht, spürt man dann gerade vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen eine gewisse Enttäuschung. „Vor einigen Jahren erschien das Buch ,Was Männer kosten’ von Boris von Heesen“, erzählt der Männerberater. „Er errechnete, dass uns das Verhalten von Männern in Deutschland jährlich rund 63 Milliarden Euro kostet. Kosten für Gerichtsverfahren und Strafvollzug, Mehrbelastungen des Gesundheitssystems oder für die Folgen von Verkehrsunfällen. Aber diese Kosten sind schon längst eingepreist, weil es halt nie anders war. Deshalb wird so wenig dafür getan, etwas zu verändern.“ Fast noch ärgerlicher findet er es, dass mediale Diskurse oft in alten Grabenkämpfen enden. „Diesen Vereinsdünkel empfinde ich als befremdlich. Letztlich geht es doch darum, dass wir gesamtgesellschaftlich weiterkommen“, plädiert er. Deshalb ist auch jeder Mann in der Beratungsstelle auf der Hubertusstraße willkommen, der sich in einer Krise befindet, ganz egal welcher Art. „Ich hoffe, dass ich diese Arbeit noch lange machen darf“, sagt Mokros. Aber die Illusion, die Welt retten zu können, hat er nicht. Da ist er dann tatsächlich ganz und gar unmännlich. Und denkt stattdessen von Fall zu Fall — und Mann zu Mann.

Männerberatung des SKM Krefeld
Hubertusstr. 97
47798 Krefeld
Telefon: 02151 – 8412-26
E-Mail: maennerberatung@skm-krefeld.de
skm-krefeld.de

Fotos: Niklas Breuker
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